„Does India want Europe to win?“
„Alpbach should be a safe place for the most unsafe questions.“ Mit diesem Satz begann unsere Zeit beim Europäischen Forum Alpbach. Für uns fasst er vieles zusammen, was das Forum besonders macht: den Mut, Fragen zu stellen und mit Menschen ins Gespräch zu kommen, deren Perspektiven weit über die eigenen hinausreichen.
Bereits am ersten Tag der Conference Days wurde dieser Gedanke Realität. Unter dem Leitthema „How Europe Wins“ diskutierten Enrico Letta, Olivia Lazard und Shashi Tharoor über die Herausforderungen, vor denen Europa heute steht. Insbesondere Tharoors Blick auf Europa aus indischer Perspektive warf Fragen auf, die wir vertiefen wollten. Am nächsten Tag bekamen wir dazu die Gelegenheit - in einer von uns organisierten Diskussion.
Indien und Europa sind beide wirtschaftlich und strategisch stark von den USA und China abhängig.
Plötzlich saßen wir auf der Terrasse eines Gasthauses in Alpbach, umgeben von rund 30 Zuhörerinnen und Zuhörern. Zwischen uns: Shashi Tharoor, Vorsitzender des Committee on External Affairs des indischen Parlaments und ehemaliger Diplomat.
Eine Stunde lang sprachen wir über das Verhältnis zwischen Indien und Europa und die geopolitischen Veränderungen, die beide Seiten vor neue Herausforderungen stellen. Tharoor sieht eine zentrale Gemeinsamkeit: Beide sind wirtschaftlich und strategisch stark von den USA und China abhängig. Die Unberechenbarkeit der amerikanischen Politik unter Donald Trump mache diese Abhängigkeit besonders deutlich. Für beide Seiten gehe es deshalb darum, ihre Handlungsspielräume zu erweitern und neue Partnerschaften aufzubauen.
Doch strategische Unabhängigkeit beginnt für Tharoor nicht erst bei außenpolitischen Entscheidungen. Sie setzt auch wirtschaftliche Stärke voraus: „You cannot be a superpower if you are super poor.“ Trotz wachsender Wirtschaft und zunehmendem geopolitischem Einfluss steht Indien weiterhin vor sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen. Eine Supermacht zu sein bedeutet für Tharoor deshalb mehr als militärische oder politische Stärke, denn ein Land müsse seinen Einfluss auch in konkrete Verbesserungen für seine Bevölkerung übersetzen können. Seine Aussage stellte damit auch unsere Vorstellung von geopolitischer Macht infrage: Wie viel globale Bedeutung kann ein Staat beanspruchen, wenn ein großer Teil seiner Bevölkerung noch nicht am wirtschaftlichen Fortschritt teilhat?
„You should not be a continent known for regulation.“
Dieser Gedanke führte zu einer anderen Frage: Was braucht Europa, um in dieser neuen geopolitischen Realität handlungsfähig zu bleiben? Auch hier richtete Tharoor einen kritischen Blick auf Europa. Bürokratie und Überregulierung könnten zu Schwächen werden. Europa laufe Gefahr, vor allem für seine Regeln und nicht für Innovationskraft oder strategische Stärke bekannt zu sein. „You should not be a continent known for regulation“, so seine zugespitzte Forderung. Beide Aussagen verbindet eine gemeinsame Botschaft: Geopolitische Stärke entsteht nicht allein durch politische Ambitionen, sondern durch wirtschaftliche Stärke, Anpassungsfähigkeit und Attraktivität als Partner.
Gerade deshalb könne die Beziehung zwischen Indien und Europa an Bedeutung gewinnen. In einer Welt, in der die Abhängigkeit von einzelnen Großmächten zum strategischen Risiko wird, geht es nicht darum, unabhängig von allen anderen zu werden. Es geht vielmehr darum, die richtigen Partner zu haben und gemeinsam neue Handlungsspielräume zu schaffen. Die Zusammenarbeit zwischen Europa und Indien kann so zu einem Weg werden, in einer zunehmend fragmentierten Welt an Einfluss und strategischer Autonomie zu gewinnen.
Vor dem Gespräch waren wir ziemlich aufgeregt, als uns durch den Kopf ging, wer da eigentlich bald neben uns sitzen würde. Doch mit den ersten Fragen verschwand die Nervosität. Das Gespräch wurde zunehmend natürlicher, wir lachten gemeinsam und die Stunde verflog. Am Ende blieb bei uns vor allem ein Gedanke hängen: Auch hinter großen Namen und beeindruckenden Lebensläufen stehen ganz normale Menschen. Vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Erfahrungen, die Alpbach ermöglicht: Man kommt, um zuzuhören, und findet sich plötzlich selbst mitten im Gespräch wieder.



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