Gewinnen durch Zweifeln?

Sieben Jahre. So lange im Voraus legt die Europäische Union fest, wofür sie ihr Geld ausgibt: von Wettbewerbsfähigkeit über Klima, Kohäsion sowie Forschung und Verteidigung. Der Mehrjährige Finanzrahmen - kurz MFR - ist das größte Zahlenwerk der Union, und gerade wird der nächste für die Jahre 2028 bis 2034 verhandelt. Und dennoch: Kann der MFR wirklich ein richtungsweisendes Instrument für die Gestaltung Europas in einer unsicheren Zukunft sein? Das war eine der Fragen, die uns in Alpbach, im Rahmen des Studios – welches vom Complexity Science Hub und nextlearning e. V. in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Parlament organisiert wurde - beschäftigt haben.

Wie kann Europa durch seine Finanzplanung vom reaktiven zum aktiven Architekten seiner Zukunft werden?

Der Ansatz zielte bewusst darauf ab, dem Bedürfnis zu widerstehen, sich eine bestimmte Meinung zu bilden, und stattdessen dem Zweifel Raum zu geben.

Der Einstiegspunkt: Warum eigentlich sieben Jahre?

Und mit diesem Einstiegspunkt begann der Zweifel zu wachsen und führte zu Folgefragen. Sind sieben Jahre genug, um langfristig Europas Strategien zur Verteidigung, dem Klima und der Forschung zu gestalten? Ist der siebenjährige Haushalt, wenn er auf eine Welt trifft, die sich kontinuierlich ändert, anpassungsfähig? Wie kann Europa durch seine Finanzplanung vom reaktiven zum aktiven Architekten seiner Zukunft werden? Kann Europa seine demokratischen Werte in einem Kontext von innerem und äußerem Druck langfristig schützen? Und kann es trotz dieser Kräfte seine Einheit wahren?

Auch unsere tägliche Arbeit als Juristen dreht sich um Entscheidungen und ihre Argumentation. Man kann einen Fall nicht ewig offenhalten, und man kann einen Staat nicht ohne Haushalt führen – irgendwann muss entschieden werden. Entscheidungen geben Orientierung und schaffen Sicherheit, zwei elementare Bedürfnisse jedes Menschen und jeder Organisation.

Genau hier stand der Satz im Raum, der uns nicht mehr losgelassen hat: das Bedürfnis nach Sicherheit verleitet zur Flucht vor der Komplexität.

Das trifft einen Nerv – auch den politischen. „How Europe Wins“, das Motto des Forums, klingt nach Entschlossenheit: entscheiden, umsetzen, liefern. Auch der siebenjährige Plan lässt sich aus dieser Perspektive betrachten. Die langjährige Einplanung von Geld verschafft Kontrolle – ein Gerüst für politische und wirtschaftliche Entscheidungen. Dennoch verbirgt sich hinter diesem Gefühl von Sicherheit, womöglich auch ein Risiko, vor der Ungewissheit und Komplexität der Zukunft zu fliehen. Der Titel des Studios – „From Complexity to Capacity“ – deutet die Gegenrichtung an. Handlungsfähig wird man nicht, indem man Komplexität wegdefiniert, sondern indem man sie versteht, bevor die Entscheidung zu teurem Beton wird.

Genau diesen Raum hat das Forum für uns Stipendiatinnen und Stipendiaten geschaffen. Ein sicherer Raum, in dem man Fragen stellen kann, ohne gleich Antworten suchen zu müssen. Ein Raum, in dem man auf andere Meinungen und Ideen trifft und die eigenen Gewissheiten ablegen kann. Ein Raum, in dem Platz für Gefühle und Verständnis herrscht.

Vielleicht liegt genau darin die Antwort auf die Frage im Titel. Zweifeln heißt nicht, nicht zu entscheiden. Zweifeln heißt, mit offenen Augen zu entscheiden.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf salto.bz.

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„Does India want Europe to win?“