Die Hoffnung, Zukunft zu gestalten
Was bedeutet es zu hoffen? Wer darf hoffen? Wer muss hoffen? Und worauf? Diese Fragen beschäftigen uns Stipendiatinnen und Stipendiaten dieses Jahr besonders am Europäischen Forum Alpbach. Ein Kernthema hier ist die Hoffnung für junge Menschen in Europa.
Denn Emotionen bilden einen zentralen Aspekt gesellschaftlicher Bewegungen und treiben Veränderung. Alpbach zeigt uns, dass Zukunft nicht etwas ist, das uns passiert. Stattdessen sollten wir proaktiv eine Zukunft aufbauen, auf die wir uns freuen. Eine Zukunft, auf die wir hoffen.
Hoffnung ist aber keine Selbstverständlichkeit. Sie muss geübt werden. Wie? Darauf antworten die Philosophin Juliette Vazard (Universität Zürich) und der Philosoph Camilo Martinez (Central European University), bei denen wir Stipis ein Seminar belegen durften. Um Hoffnung zu spüren, muss sie täglich im Kleinen genährt werden. Auch die Philosophin und Politikwissenschaftlerin Lea Ypi bestätigt diese Haltung. Sie fordert uns auf, zu „handeln, weiterzukämpfen, denn je mehr wir kämpfen, desto mehr wird Hoffnung aufkommen.“
Wir können eine Gesellschaft aufbauen, die träumt, Chancen ergreift und Risiken eingeht.
Klingt einfach, ist aber schwieriger als man denkt: Klimakrise. Polarisierung. Rechtsruck. Ungleichheit. Krieg. Zunehmender ökonomischer Druck. Scheint angesichts dessen Verzweiflung nicht angebrachter?
Die Seminare, Diskussionen und Begegnungen in Alpbach zeigen uns aber das Gegenteil: Der Wandel von einer ängstlichen zu einer hoffnungsvollen Gesellschaft ist möglich. Wir können eine Gesellschaft aufbauen, die träumt, Chancen ergreift und Risiken eingeht. Dass so viele junge Menschen etwas bewegen wollen – und es bereits tun –, macht uns hoffnungsvoll. Genau darin liegt sie: die Hoffnung, Zukunft zu gestalten.
Wir müssen etwas finden, woran wir glauben können. Lea Ypi sieht Hoffnung als einen Zustand des Geistes, keinen Zustand der Welt. Für sie geht es nicht um die Frage, ob wir Hoffnung haben, denn das sieht sie als moralische Pflicht an. Ohne Hoffnung gibt es nämlich kein Handeln. Trotzdem beschreibt sie Momente, wo sie ihre Hoffnung wiederfinden musste. „Als ich meine Hoffnung verlor, erinnerte ich mich an mein eigenes Privileg. Denn Menschen, die unter Ungerechtigkeit leben, handeln trotzdem weiter und weiter.“
Das, was uns bleiben wird, ist die Hoffnung auf ein Wiedersehen.
Dieser Gedanke begleitet uns auch bei einer anderen Begegnung, die stark in Erinnerung bleibt: Mattia Bidoli, Fotograf und Mitarbeiter in der humanitären Hilfe, fängt mit seiner Kamera Momente der Hoffnung in Kriegsgebieten ein. Wenn Mattia von Gaza erzählt, ist der ganze Raum still. Die Reaktion auf seine Bilder ist körperlich. Obwohl die Menschen aus seinen Erzählungen in einer aussichtslosen Lage gefangen sind, geben sie ihre Hoffnung aber trotzdem nicht auf. Eine Einladung, neuen Mut und Kraft zu schöpfen und Hoffnung, unsere Zukunft zu gestalten.
Im schönen Alpbach haben wir vieles gelernt und gesehen. Nach zwei Wochen heißt es für uns wieder zurück in den Alltag. Wir müssen uns voneinander und von diesem friedlichen Dorf im Herzen Österreichs verabschieden. Das, was uns bleiben wird, ist die Hoffnung auf ein Wiedersehen.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf salto.bz.