„Öffentliche Räume mehr als Konsumzonen“
Zip, Zap, Boing! Ausgerechnet mit einem Bewegungsspiel nähert sich das Seminar „The Power of Ensemble“ der großen Frage dieses Jahres: „How Europe wins“. Wer auf die diesjährige Leitfrage des European Forum Alpbach eine nüchterne Antwort erwartet, reibt sich zunächst verwundert die Augen. Doch der spielerische Auftakt hat Methode. Seit Jahren ist der Workshop ein Fixpunkt im Programm und bei genauerer Betrachtung ein erstaunlich ernsthafter Testraum für die Frage, was Europa zusammenhält und wie gemeinsames Handeln gelingen kann.
Der Puls steigt schlagartig, als eines der fünf Akademiemitglieder der Royal Academy of Dramatic Art aus London einen Tennisball hervorzieht. Die Aufgabe: Fangen, Werfen und blitzschnelle Begriffsassoziationen. Viele Übungen finden im Kreis statt und sie haben eines gemeinsam: Für einen kurzen, intensiven Augenblick richtet sich die volle Aufmerksamkeit auf eine einzige Person, die unter Zeitdruck handeln muss. Das birgt Potenzial für Schamgefühle. Doch die Reaktion der Gruppe setzt dem etwas Entscheidendes entgegen: Sie ist sehend, aber nicht wertend; lachend, aber niemals auslachend; wohlwollend, ohne bevormundend zu sein. Das Fundament dieser besonderen Atmosphäre bildet ein gemeinsam ausgehandelter Verhaltenskodex. Er definiert den Raum, den wir miteinander teilen und in dem wir uns persönlich wie kollektiv entfalten wollen.
Aus dieser Haltung lässt sich aber auch eine Lektion für das politische Handeln in Europa ableiten, insbesondere für die Verhandlungen der 27 EU-Mitgliedsstaaten. Ein gelebter demokratischer Prozess erfordert eben jenes dialogische Miteinander: divergierende Perspektiven wahrzunehmen, zuzuhören und Kompromisse dort zu schmieden, wo kein schneller Konsens wartet.
Deshalb braucht es auch in Südtirol mehr konsumfreie Räume, die Begegnung ermöglichen.
Ein starkes Ensemble zeichnet sich dadurch aus, dass auf jedes einzelne Mitglied geachtet wird. Das bedeutet keineswegs, dass sich alle zu jedem Zeitpunkt gleich laut einbringen müssen. Wenn alle zeitgleich reden, versteht niemand mehr ein Wort. Auch der beobachtenden, reflektierenden Rolle kommt ein zentraler Wert zu. Drei Tage Workshop vermittelten Selbstbewusstsein und Achtsamkeit. Qualitäten, die auch die Debatte um Europas Zukunft schärfen. Die Erfahrung zeigt: So kann ein diverses Europa mit einer Stimme sprechen, ohne seine Vielfalt einzubüßen.
Dialog wird auch bei einem Dorfrundgang durch Alpbach im Rahmen des Studios „The Future of European Cities“ geführt. Dabei wird aufgezeigt, wie der kleine Ort in Österreich Lebensqualität, Tourismus und Gemeinschaft austariert. Wie politische Entscheidungen im Alltag ankommen – oder eben nicht. Städte und Dörfer sind die Orte, an dem Klimawandel, Wohnungsnot, Abwanderung und Tourismusdruck nicht abstrakt bleiben, sondern konkret werden. In leerstehenden Häusern, in Mietpreisen, in sich bis in die Unerträglichkeit aufheizenden Städte, in der Frage, wer sich einen Ort noch leisten kann. Wer über „How Europe Wins“ diskutiert, kommt an dieser lokalen Ebene nicht vorbei.
Öffentliche Räume sind mehr als Verkehrsflächen oder Konsumzonen. Sie sind soziale Infrastruktur. Und genau diese Räume werden zunehmend weniger. Sogenannte „Third Places“ (Orte jenseits von Zuhause und Arbeit, an denen Begegnung ohne Konsumzwang möglich ist) verschwinden: das Vereinsheim, das Kaffeehaus an der Ecke, die Parkbank, auf der man einfach verweilt. Verdrängt werden sie durch den Onlinehandel, steigende Mieten und eine Stadtplanung, die Effizienz, Konsum und Profit häufig höher gewichtet als Aufenthaltsqualität und soziale Begegnung. Das hat gesellschaftliche Folgen: Wenn Orte für zufälligen, informellen Austausch fehlen, begegnen sich Menschen unterschiedlicher Generationen und Milieus immer seltener. Deshalb braucht es auch in Südtirol mehr konsumfreie Räume, die Begegnung ermöglichen. Denn gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht nur in Institutionen, sondern auch dort, wo Menschen einander im Alltag begegnen, zufällig, informell und ohne etwas kaufen zu müssen.
Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus ganz Europa und darüber hinaus, aus völlig unterschiedlichen Disziplinen, mit teils sehr unterschiedlichen Vorstellungen von Europa, setzten sich damit auseinander, was eine Stadt in der Zukunft ausmacht. Städte und Regionen müssen resilienter werden. Diese Reibung war anstrengend, aber genau darin lag ihre Kraft. Interdisziplinarität und Austausch sind die Zukunft.



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