EFA_diario #5: Die Generationenfrage im Antlitz der großen Transformation
Einmal im Jahr treffen Granden aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaftin einem beschaulichen Alpendorf auf die Jugend. Der Ort: idyllisch,alpenländisch. Die Atmosphäre: gegensätzlich. Alpbach, einst das schönsteBlumendorf Europas, ist aus den Wirren der Pandemie erwacht und so auch desseneuropäisches Forum. Nach einem Jahr der Ruhe wird hier wieder die ZukunftEuropas diskutiert, genauer die anstehende große Transformation.
Das diesjährige Generalthema „the great transformation“ ist von KarlPolanyies gleichnamigen Meisterwerk entlehnt. Darin zeichnet Polanyi die gesellschaftlichen Verwerfungen in derEntwicklung vom Feudalismus hin zum Industriekapitalismus nach. In deren Ausmaßzumindest ebenbürtige Verwerfungen stehen uns aufgrund der Klimakrise bevor.Das Thema könnte für ein Aufeinandertreffen zwischen Entscheidungsträger:innenund der Jugend kaum passender sein. Schließlich ist der Lebensstill der von denletzten beiden Generationen vorgelebt wurde nichtmehr tragbar, um einemenschenfreundliche Lebenswelt auf diesem Planeten zu gewährleisten.Lebensstil, Kultur und die Beziehung vom Menschen zur Natur müssen neu gedachtwerden.
Nun aber zur Komplikation, die im Mittelpunkt des vorliegendenGedankengangs stehen soll. Eine „große Transformation“ der Gesellschaft, vorgenommen inkurzer Zeit, führt unvermeidlich zu einer Umverteilung von Macht. DieZeitlichkeit spielt hier eine zentrale Rolle. Während für dieEntscheidungsträger:innen kurzfristig ihre Machtposition auf dem Spiel steht,ist es für die Jugend ihre Zukunft. Um das Überleben der Menschheit zu sichern,müssen die Weichen innerhalb von kürzester Zeit neu gestellt werden. DieseNeustellung wird vor allem die Jugend und kommende Generationen betreffen, mussaber aufgrund der Dringlichkeit unmittelbar vorgenommen werden. Somit muss derUmbruch von derzeitigen Entscheidungsträger:innen eingeleitet werden und hatAuswirkungen weit über deren Lebenszeit hinaus. Wie die Jugend in diesen Prozesseingebunden werden und ihre eigene Zukunft nicht nur umzusetzen sondernmitgestalten kann, war der Elefant im Raum des diesjährigen Forums.
Der Handlungsbedarf war Konsens, die Veränderungstiefe Kontrovers. In den Großveranstaltungen des Forums wird diese Diskrepanz am greifbarsten. Auf der Bühne die Entscheidenden, welche sich gegenseitig für Ihre Leistungen bezüglich Umweltschutz und Nachhaltigkeit auf die Schulter klopfen, im Publikum die Jugend, die weit mehr fordert. Abseits des formellen Programms trafen wir uns, um Möglichkeiten zu diskutieren, wie Institutionen verändert werden müssen, um die Mitgestaltung der Jugend zu ermöglichen. Im Folgenden sollen zwei Ideen kurz skizziert werden, welche in keiner Diskussion zu diesem Thema unter Stipendiat:innen gefehlt haben. Die Umsetzung dieser könnte eine essentielle Hebelwirkung auf die Geschwindigkeit der „großen Transformation“ und somit auf die Erfolgreiche Abwehr einer globalen Klima- Katastrophe haben.
In einer Demokratie in welcher ältere Generationen aufgrund derdemographischen Entwicklung einen Löwenteil der Wahlbevölkerung stellen, liegtes in der Logik des Systems, dass besonders die Anliegen der Älteren adressiertwerden. Um die „große Transformation“ voranzutreiben und das vorliegende Ungleichgewichtauszugleichen müsste das Wahlgesetz verändert werden. Zum einen könnten Elternzusätzliche Wahlstimmen für ihre minderjährigen Kinder erhalten. Die Prämissedabei ist, dass diese bessere Entscheidungen für die Zukunft treffen, da ihnendas langfristige Wohl ihrer Kinder am Herzen liegt. Zum anderen könnten Stimmenvon Jungwählern höher gewichtet werden. Ein Verfahren das es in einigen Ländernbereits gibt, um das Ungleichgewicht zwischen Stadt- und Landbevölkerungauszugleichen.
Die skizzierten Ideen könnten die Dynamiken der anstehenden Transformationsprozesse grundlegend verändern. Wie auch beim Forum ersichtlich liegt jungen Menschen ihre Zukunft am Herzen, deshalb sind sie tendenziell zu mutigeren Umbrüchen bereit als Ältere. Diese Tendenz zu nutzen könnte ein kritischer Faktor für das Abwenden der Klima-Katastrophe sein.
Die präsentierten Ideen sollen den Möglichkeitsraum öffnen, Utopien für die Zukunft zu entwerfen. Die Transformation soll, im Gegensatz zu jenen von Polanyi beschriebenen, nicht vom Markt sondern von der Jugend mitgelenkt und gezielt beschleunigt werden.