Zwischen Fragen und Spielen
Mit einem regenverhangenen Montagmorgen beginnt die Alpbach Seminar Week, eine intensive und inspirierende Zeit des interdisziplinären Austauschs und kreativen Schaffens. Hier treffen Wissenschaft und Kunst, Realität und Utopie aufeinander, um gemeinsam den Nährboden für einen paneuropäischen Dialog zu schaffen. Alpbach wird zum Ort, an dem nicht nur Wissen geteilt, sondern auch tiefgehende Verbindungen geknüpft werden.
Montag, Wecker um 7:50. Müde, aber motiviert mache ich mich nach einem schnellen Espresso auf den Weg durchs Dorf bei strömenden Regen. Noch sind kaum Leute unterwegs, aber das wird sich sehr bald ändern: Nach den einleitenden Euregio Days am Wochenende beginnt heute der erste Kernabschnitt des EFA, die Alpbach Seminar Week, eine intensive Mischung aus wissenschaftlichen, kreativen und praxisnahen Seminaren. Uns Stipendiatinnen und Stipendiaten bietet das einzigartige Gelegenheit für einen interdisziplinären und partizipativen Austausch zwischen Akteur*innen und Expert*innen aus unterschiedlichsten Bereichen. Unsere Präferenzen hinsichtlich der 28 spannenden und sehr diversen Seminarangebote aus Politik, Wirtschaft, Rechtswissenschaft und Informatik bis hin zu Kulturwissenschaft, Naturwissenschaft und Kunst konnten wir vorab angeben.
It is what you make of it
Dass meine Wunschliste (wohl aus organisatorischen Gründen) nur teilweise berücksichtigt werden konnte, soll mich heute nicht aus der Ruhe bringen. Alpbach heißt auch: It is what you make out of it. Offenheit und die Flexibilität, sich auf Unerwartetes und Unbekanntes einlassen zu können, ist hier von Vorteil. Ein Schoko-Croissant und ein zweiter Café aus der kleinen Bäckerei auf dem Weg können mich dann auch über die heute hinter Wolken versteckte Berglandschaft hinwegtrösten.
In der Turnhalle der örtlichen Mittelschule begrüßen mich wenig später im Raum verteilte Tische auf denen jeweils Stifte und ein großer Papierbogen liegt. Man kommt mit seiner Gruppe ins Gespräch, tauscht sich aus, Erwartung und Neugierde schwingen durch den Raum wie verspielte Libellen am einem morgendlichen See. Schnell wird klar: Alpbach ist ein Ort der Fragensteller und kritischen Denkerinnen, derer, die den Austausch suchen, Mitgestalten wollen und sich gerne aus ihrer Bubble hinauswagen wollen. Die Zeit bis zur Kaffepause vergeht schnell - nach massenweise Input, Fakten und Diskussionen raucht der Kopf nach Seminarende.
Zeit für eine Mittagspause im wunderschönen Haus Barbara, unserem gemütlichen Rückzugsort nach intensiver Hirnakrobatik. Zum Glück haben meine Club-Kolleg*innen sich bereits um Mittagessen gekümmert, es gibt Pasta mit Pesto – eine willkommene Abwechslung nach den fleischlastigen Traditionsbuffets während der Euregio-Days.
Der EFA-Geheimtipp
Weiter geht´s am Nachmittag mit einem radikalen Programmwechsel. Statt über Fakten, Schreibzeug und Laptop zu brüten, geht es im Seminar Creating an Ensemble um eine ganz andere Art des Austauschs: Vier Studierende der Royal Academy of Dramatic Art (London) gestalten hier einen sehr praktisch orientierten Workshop zu Schauspiel, Improvisation und Bewegung, der die Verbindung einer Gruppe durch Körperlichkeit, Imagination und Spiel erforscht. Mit meinem Background als Musiker und Künstler fühle ich mich in dieser Welt zum ersten Mal richtig angekommen. Nicht umsonst werden die jährlichen Seminare der RADA als eine Art EFA-Geheimtipp gehandelt: Fasziniert verfolge ich mit, wie schnell die Gruppe innerhalb weniger Stunden, aber vor allem während der kommenden fünf Seminartage eng zusammenwächst und zu etwas verschmilzt, das größer ist als die Summe seiner Teile.
„Instead of struggling to be the flour, be the yeast!“
In Alpbach ist also auch Platz für den homo ludens als Gegenpol zum homo intellectus; für eine tiefergehende Ebene des Dialogs, ein hochintensives Gespräch ohne Worte, das dort ansetzt, wo Sprache versagt. Die klassischen Smalltalk-Fragen „Woher kommst du, was machst du beruflich, was bringt dich zum EFA?“ zu überspringen und stattdessen spielerisch und unvoreingenommen aufeinander zuzugehen, schafft eine unvergleichbare Grundlage für Vertrauen, Sicherheit und gegenseitige Wertschätzung, die für mich ausschlaggebender Bestandteil eines fruchtbringenden Diskurses ist. Ergänzt von einem vielseitigen Kulturprogramm, das Orgelkonzerte, Kunstausstellungen und die örtliche Musikkapelle genauso inkludiert wie Tiefgaragen-Raves oder partizipative Klanginstallationen, bietet das EFA einen Nährboden für einen paneuropäischen Austausch jeglicher Art, ohne dabei in einen elfenbeinernen Eskapismus zu verfallen, wie es die Kulturszene leider zu oft praktiziert, ohne es zu merken.
Be the yeast!
Die Gesellschaft braucht sowohl Wissenschaftlerinnen, Forscher, Ökonominnen, Ökologen, Philosophinnen, Theologen, Diplomaten, Politologinnen und Realisten auf der einen, aber genauso auch Künstler, Musikerinnen, Verrückte, Träumerinnen, Kreativlinge, Luftschlossbauerinnen, grenzenlose Denkerinnen, Fantasten und Utopisten auf der anderen Seite. In dieser Symbiose zwischen dem Möglichen und dem Unmöglichen, in der Gegenüberstellung und im Austarieren zwischen dem, was im Grenzenlosen gedacht werden kann und dem, was innerhalb der Grenzen der Realität umsetzbar ist, sehe ich die stärkste Medizin zum Kurieren unserer sich spaltenden und zersetzenden Welt. Das Forum in Alpbach zeigt sich als ein Ort, der dies ermöglicht, wie kaum irgendwo sonst.
Ein Satz bleibt mir in dem Sturm aus Information und Diskussionsbeiträgen am Ende der Woche besonders hängen: Für den dringend nötigen Wandel hin zu einem vereinten und zukunftsfähigen Europa, das seine Werte wie Freiheit, Frieden und Demokratie in einer immer komplexer werdenden Welt erfolgreich verteidigen kann, geht es nicht nur um das Erreichen der vielbeschworenen „kritischen Masse“. Diese wird, wie beim Brotbacken, lediglich das Mehl – die Quantität der Masse – darstellen. Damit der Teig aufgeht, braucht es aber auch Hefe. Eine kleine, unscheinbare Zutat, die qualitativ einen großen Einfluss auf die Gesamtentwicklung des Prozesses ausübt. Instead of struggling to be the flour, be the yeast!


Dieser Beitrag erschien zuerst auf salto.bz.